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Überblick


Erst seit dem Jahr 1922, als britische Archäologen, eigentlich auf der Suche nach Spuren Alexanders des Großen, im Gebiet des heutigen Pakistans auf Überreste einer unbekannten Kultur stießen, ist diese frühe Hochkultur überhaupt erst bekannt. Sie erstreckte sich über fast das gesamte heutige Pakistan sowie Teile Indiens und Afghanistans, insgesamt 1.250.000 km⊃2;, und war damit flächenmäßig größer als das antike Ägypten und Mesopotamien zusammen. Neben diesen war sie eine der drei frühesten Zivilisationen der Welt. Sie kannte bereits Städteplanung, Schrift und Architektur.

Bis heute sind über 1050 Fundorte identifiziert, hauptsächlich entlang des Indus. Zusätzlich gibt es Hinweise auf einen anderen, heute ausgetrockneten, großen Fluß östlich des Indus, der mit dem antiken Ghaggra-Hakra oder Sarasvati identisch sein könnte. Über 140 antike Städte und Siedlungen wurden an seinem Lauf gefunden. Die beiden größten urbanen Zentren der Harappakultur waren wohl Harappa and Mohenjo-Daro, daneben gab es noch große Städte bei Dholavira, Ganweriwala, Lothal und Rakhigarhi. Zu ihrer Blütezeit hatte die Indus-Kultur vermutlich über fünf Millionen Einwohner.

Die Quellenlage zur Harappa-Kultur ist im Gegensatz zu den anderen beiden Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien leider sehr dünn. Erst etwa zehn Prozent ihrer Siedlungen wurden ausgegraben. Weder ist ihre Schrift entschlüsselt noch ist ihr plötzliches Verschwinden ab etwa 1900 v. Chr. geklärt. Selbst Texte des Sanskrit aus dem 1. vorchristlichen Jahrtausend erwähnen diese frühe Kultur nicht direkt. Ebenfalls wissen wir nicht sicher, welche Sprache die Menschen damals sprachen oder wie sie sich selbst nannten.

Die Indus Kultur ist möglicherweise mit dem Sumerianischen Meluha zu identifizieren [1].





Entdeckung und Erforschung der Indus-Kultur

Obwohl die Ruinenstätte in Harappa schon länger bekannt war und erstmals 1844 von Charles Masson in seinem Buch Narrative of Various Journeys in Balochistan, Afghanistan and The Panjab als "eine aus Ziegeln errichtete, zerstörte Befestigung" beschrieben wurde, ist seine Bedeutung erst sehr viel später erkannt worden. Im Jahr 1857 verwendeten die Briten beim Bau der Ostindischen Eisenbahn von Karatschi nach Lahore zur Befestigung der Trasse Lehmziegel, die sie auf dem nahe gelegenen Ruinenfeld in Harappa fanden. Die Fundlage in Harappa ist daher im Vergleich mit Mohenjo-Daro recht schlecht. Auch Mohenjo-Daro war schon längere Zeit bekannt, hier interessierte man sich jedoch eher für die Reste eines buddhistischen Klosters aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., das auf den Ruinen errichtet worden war. Im Jahre 1912 fand J. Fleet im damaligen Britisch-Indien Siegel mit unbekannten Schriftzeichen, was in Europa das Interesse der wissenschaftlichen Öffentlichkeit auf sich zog. Daraufhin wurden in den Jahren 1921/22 unter anderem in Harappa und Mohenjo-Daro unter der Leitung von Sir John Marshall, dem damaligen Direktor des britischen Antikendienstes, Grabungen durchgeführt. Die Ähnlichkeit der beiden ausgegrabenen Städte machte schnell deutlich, dass hier eine bisher unbekannte Hochkultur entdeckt worden war. Bis 1931 wurden in Mohenjo-Daro mehr als 10 Hektar der Stadt freigelegt, danach fanden jedoch nur noch kleinere Grabungen statt, unter anderem im Jahr 1950 durch den Briten Sir Mortimer Wheeler. Nach der Teilung Britisch-Indiens im Jahr 1947 wurde das Siedlungsgebiet der Harappa-Kultur in einen pakistanischen und einen indischen Part geteilt. In Pakistan übernahmen daraufhin Amerikaner, Franzosen, Briten und Deutsche zusammen mit pakistanischen Archäologen die weitere Forschungsarbeit, während in Indien der indische Antikendienst die Arbeit weiterführte. Großen Einfluß auf die Indus-Forschung hatten und haben, neben den bereits erwähnten und anderen Archäologen, der Brite Sir Aurel Stein, der Inder Nani Gopal Majumdar und der Deutsche Michael Jansen.





Entwicklung

Die frühesten bekannten Hinweise menschlicher Aktivitäten auf dem Gebiet des heutigen Pakistans stammen aus der Altsteinzeit und sind etwa 500.000 Jahre alt. Um etwa 8000 v. Chr. vollzog sich hier der Übergang vom Jäger und Sammler hin zum Bauern und Viehzüchter und damit verbunden eine Sesshaftwerdung. Die Indus-Kultur entwickelte sich aus diesen frühen Ackerbau-Kulturen, die auch in den Hügeln von Belutschistan im heutigen Pakistan auftauchten. Die am besten erforschte Stätte dieser Zeit ist Merhgarh, die um 6500 v. Chr. entstand. Diese Bauern domestizierten Weizen und Rinder und benutzten ab 5500 v. Chr. auch Töpferwaren. Ab etwa 4000 v. Chr. wurden zudem Erbsen, Sesam, Datteln und Baumwolle angebaut, und auch der Wasserbüffel, der bis heute essentiell ist für die Landwirtschaft in Süd-Asien, wurde domestiziert. Die Besiedlung des Industals geschah wohl von den Rändern hin zum Zentrum.

6000 v. Chr. wandelten sich die kleinen Dörfer urplötzlich in Städte mit mehreren Tausend Einwohnern, die nicht mehr primär in der Landwirtschaft tätig waren. Es entstand eine Kultur, die im Umkreis von 1000 Kilometern einheitlich konstruierte Städte hervorbrachte. Das plötzliche Auftreten scheint die Folge einer geplanten und bewussten Anstrengung gewesen zu sein. So wurden einige Städte komplett umgebaut, um einem wohldurchdachten Plan zu entsprechen, oder auch von Grund auf neu angelegt, was sich beispielsweise in Mohenjo Daro sehen lässt, wo keine Spuren vorheriger Siedlungen gefunden wurden. Der Aufbau vieler der größeren Städte im Industal ähnelt sich frappierend, so dass die Harappa-Zivilisation wohl die erste war, die Städteplanung entwickelte. Frühere Gelehrte konnten dieses plötzliche Auftreten nur durch externe Faktoren wie Eroberung oder Zuwanderung erklären. Neuere Erkenntnisse beweisen aber, dass die Harappa-Kultur tatsächlich aus den Ackerbau-Kulturen in diesem Gebiet hervorging.





Bevölkerung und Städte

Die größte bisher gefundene antike Stadt im Industal ist Mohenjo Daro, zu deutsch Hügel der Toten, die im heutigen Pakistan in der Provinz Sindh direkt am Indus liegt. Gemeinsam mit anderen wichtigen archäologischen Stätten wie Kot Diji, Lothal und Harappa zeichnet sie sich durch die einheitlich hohe Qualität des Städtebaus, insbesondere ihrer Wasserversorgung und Kanalisation, aus. Die Städte waren schachbrettartig angelegt, ähnlich wie heute New York. Dies alles zeugt von fortgeschrittenen Kenntnissen in der Hygiene und Städteplanung sowie von einer effizienten Regierung.





Typischer Aufbau am Beispiel von Mohenjo Daro

Mohenjo-Daro ist die wohl am besten erforschte Stadt der Indus-Zivilisation. In den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhundert führte der britische Antikendienst hier umfangreiche Grabungen durch und legte große Teile der Stadt, die in den letzten 4500 Jahren vom Schlamm des Indus vollständig begraben worden war, frei. Wohl zum Schutz gegen Überschwemmungen wurde die Stadt auf einer künstlichen Plattform aus Lehmziegeln und Erde errichtet. An einen höher gelegener Bereich, der etwa 200 m breit und 400 m lang war und als Zitadelle bezeichnet wird, schloß sich ein als Unter- oder Wohnstadt bezeichneter Bereich an, wo sich die Wohnhäuser befanden. Zwischen der Zitadelle und der Unterstadt befand sich ein Freiraum von etwa 200 m. Hauptstraßen von zehn Meter Breite durchzogen die Stadt in Nord-Süd-Richtung, und kleinere Nebenstraßen zweigten rechtwinklig von ihnen in Ost-West-Richtung ab. So entstanden Häuserblocks, in denen wohl die Einwohner der Stadt lebten.

In der Zitadelle, deren Zweck unbekannt ist, wobei jedoch eine defensive Funktion vermutet wird, wurde 1925 ein großes, aus speziellen Lehmziegeln erbautes Becken entdeckt, das etwa 7 m * 12 m maß und über zwei Treppen bestiegen werden konnte. Es war von einem Laubengang umgeben und wurde von einem eigenen Brunnen, der sich in einem Nebenraum befand, mit Wasser versorgt. Ob es sich hierbei um ein Badebecken zur rituellen Waschung oder eine öffentliche Badeanstalt handelte, ist nicht bekannt. Ebenfalls auf der Plattform befand sich ein großes Gebäude, aus Backsteinen errichtet, das als Kornspeicher bezeichnet wird, wobei auch diese Funktion nicht bewiesen ist.





Häuser

Die in Straßenblocks gelegenen Wohnhäuser in der Unterstadt waren sehr zweckmäßig aufgebaut und aus Lehmziegeln konstruiert. Etwa 50 Prozent der Häuser waren zwischen 50 und 100 m² groß, fast ebenso viele zwischen 100 und 150 m² und einige wenige hatten sogar 210 bis 270 m² Wohnfläche. Sie bestanden typischerweise aus einem mit der Straße durch einen Vorraum verbundenen Innenhof, aus dem man in die eigentlichen Räume gelangte, die um den Hof herum angeordnet waren. In diesem Innenhof, der meist teilweise überdacht war, spielte sich das tägliche Leben ab. Über den Räumen befanden sich oft Dachterassen, die durch Treppen erreichbar waren. Das typische Haus verfügte über eine eigene Toilette, die zur Straße hin lag und mit einer öffentlichen Kanalisation verbunden war. Wasser lieferte der eigene Brunnen. Das Niveau der Wasserver- und entsorgung war extrem hoch und ist in manchen Teilen Pakistans und Indiens bis heute nicht wieder erreicht worden.





Wissenschaft

Die perfekt durchgeplanten und ingenieurmäßig errichteten Städte zeugen vom fortgeschrittenen Stand der damaligen Wissenschaft. Die Menschen der Indus-Kultur erreichten eine erstaunliche Präzision beim Messen von Längen, Massen und der Zeit. Sie waren vermutlich die ersten, die einheitliche Gewichte und Maße entwickelten und benutzten. Ihre Messungen waren extrem präzise. Ihr kleinstes Längenmaß, das auf einer Skala aus Elfenbein in Lothal gefunden wurde, entsprach etwa 1,704 mm, die kleinste Einheit, die jemals auf einer Skala der Bronzezeit entdeckt wurde. Gewichte basierten auf Einheiten von 0,05; 0,1; 1,2; 5; 10; 20; 50; 100; 200; und 500, wobei jede Einheit etwa 28 Gramm schwer war. Auch das Dezimalsystem war bereits bekannt und im Einsatz.

Als Baumaterial kamen erstmals in der Geschichte der Menschheit gebrannte Ziegel mit den perfekten, noch heute gebräuchlichen Proportionen 1:2:4 zum Einsatz. Auch in der Metallurgie wurden neue Techniken entwickelt, mit denen die Handwerker der Harappa-Kultur Kupfer, Bronze, Blei und Zinn verarbeiteten.

Funde aus dem Jahr 2001 aus Mehrgarh legen nahe, dass auch Grundlagen der Medizin und Zahnheilkunde beherrscht wurden.





Kunst

Verglichen mit den Hochkulturen in Ägypten und Mesopotamien wurden am Indus recht wenige Steinplastiken gefunden. Unter anderem wurden Köpfe sowie auf Podesten thronende Widder entdeckt, was auf eine sakrale Bedeutung hinweist.

Dagegen stellten die Menschen der Indus-Kultur Schmuck in vielen Variationen her. Ausgangsstoffe waren sowohl verschiedene Edelsteine wie Karneol, Achat, Jaspis und Lapislazuli, als auch Gold (seltener), Kristalle und anderes Steingut. Mit hoher handwerklicher Geschicklichkeit, unter anderem durch Schleifen und Polieren, wurden so Armringe, Ketten und Kopfschmuck hergestellt.

Daneben wurden viele kleinere Skulpturen aus Ton entdeckt, oft schlanke weibliche Figuren, die vermutlich Fruchtbarkeitssymbole darstellten, und Tierfiguren, die sehr detailliert gearbeitet waren.

Wie kleine Ton- und Bronzefiguren, die entsprechende Szenen darstellen, beweisen, wurden auch der Tanz, die Malerei und die Musik großgeschrieben. Auf einem Siegel entdeckten Archäologen die Darstellung eines harfenähnlichen Instruments, und auch zwei Objekte aus Lothal konnten als Saiteninstrumente identifiziert werden.





Wirtschaft

Anders als in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts vermutet und aus den Kulturen in Mesopotamien bekannt, herrschte im Industal vermutlich keine zentrale Tempelwirtschaft. Vielmehr war die damalige Ökonomie weit verzweigt und basierte vorwiegend auf dem Handel, der durch bedeutende Fortschritte in der Transporttechnologie begünstigt wurde. Diese Fortschritte schlossen sowohl von Ochsen gezogene Karren, die denen im heutigen Südasien benutzten sehr ähnelten, als auch Boote und Schiffe ein. Die meisten dieser Schiffe waren vermutlich kleine Flachbodensegelboote, wie sie auch heute noch am Indus anzutreffen sind. Daneben gab es aber auch größere, meerestaugliche Schiffe. Archäologen haben bei Lothal an der Küste des Arabischen Meeres Reste eines großen ausgebaggerten Kanals und Hafendocks entdeckt. Wasserstraßen bildeten das Rückgrat der damaligen Transportinfrastruktur.

Nach der Verteilung der Artefakte der Indus-Zivilisation zu urteilen, umspannte das Handelsnetz eine große Fläche, die sich über Teile Afghanistans, die Küstenregionen im heutigen Iran, Nord- und Zentralindien und Mesopotamien erstreckte. Vor allem mit Sumer ist ein reger Warenaustausch, sowohl über Land (durch das heutige Iran) als auch über See (via Dilmun, heute Bahrain), durch Funde und Dokumente in Sumer belegt. So wurde zum Beispiel im Grab der Königin Puabi, die um 2500 v. Chr. in Ur in Mesopotamien lebte, Karneolschmuck aus der Indusregion gefunden. Zudem benutzt eine sumerische Inschrift, die sich vermutlich auf die Indus-Kultur bezieht, den Namen Meluha, was der einzige Hinweis darauf ist, wie sich die Menschen im Industal damals genannt haben könnten. Zentrum des Handels scheint Mohenjo Daro gewesen zu sein, wo Verwaltungs- und Handelsstrukturen identifiziert werden konnten.

Konsequent wurde damals schon die Arbeitsteilung eingesetzt. Ausgrabungen entlang des Ghaggra, eines heute ausgetrockneten Flusses östlich des Indus, legen nahe, dass sich die Siedlungen auf jeweils eine oder mehrere Produktionstechniken spezialisierten. So wurde beispielsweise in einigen Städten Metall verarbeitet, während andere Baumwolle produzierten.





Landwirtschaft

Die Techniken der damaligen Landwirte sind heute aufgrund der nur spärlich überlieferten Informationen weitestgehend unbekannt. Fakt ist aber, dass die Landwirtschaft der Harappa-Zivilisation extrem produktiv gewesen sein muss, um die vielen Tausend Stadtbewohner, die nicht primär in der Landwirtschaft tätig waren, zu ernähren. Klar ist auch, dass damals kein Reis angebaut wurde, der damals als Nutzpflanze noch unbekannt war, sondern vorwiegend Weizen. Zu den beachtlichen technologischen Errungenschaften, die schon vor der Indus-Kultur in dieser Region gemacht wurden, zählt der Pflug, der von Wasserbüffeln gezogen wurde. Zweifellos machten die damaligen Bauern vom fruchtbaren Schlamm des Indus Gebrauch, ähnlich wie die Landwirte in Ägypten bis zum Bau des Nasser-Stausees, doch reichte diese simple Methode wohl nicht aus, um große Städte zu ernähren.

Hinweise auf Dämme oder Bewässerungskanäle wurden bis heute nicht gefunden; falls es Vorrichtungen dieser Art gab, sind diese vermutlich bei den zahlreichen Überflutungen in dieser Gegend zerstört worden. Aus einer kürzlich in Indien entdeckten Stadt weiß man jedoch, dass damals Regenwasser in massiven, aus dem Fels gehauenen Reservoirs gesammelt wurde, das die Städte während Trockenperioden versorgen konnte.

In der Harappa-Kultur wurde Weizen, Gerste, Linsen, Kichererbsen, Erbsen und Flachs angebaut. Gujarat gehörte zum Einflußbereich der Harappa-Kultur (Sorath-Harappa), war aber wegen des Fehlens größerer Flüsse auf Regenfeldbau angewiesen und zeigt daher deutliche Unterschiede in der Wirtschaftsweise. In Fundstellen der späten Harappa-Kultur wie Rojdi und Kuntasi überwiegt bei den Pflanzenreste die indische Hirse (Panicum sumatrense), außerdem wurde S. verticillata und S. pumila gefunden. Weizen und Gerste sind nur spärlich belegt. Aus Rangpur und Lothal stammen Topfscherben, die angeblich mit Reisstroh gemagert sind. Das ist bisher der einzige, und unsichere Nachweis für die Domestikation von Reis in der Harappa-Kultur. Sichere Reste von Reis stammen erst aus dem späten 2. Jahrtausend. Ob der Wasserbüffel domestiziert war oder nur gejagt wurde, ist unklar. Wegen zahlreicher Knochenfunde nimmt man an, dass das Huhn seit der späten Harappa-Kultur als Haustier gehalten wurde. Aus Kalibangan stammen Spuren des Ackerbaus mit der Arl aus der frühen Harappa-Kultur.





Sprache und Schrift

Trotz vielfältiger Versuche ist die Indus-Schrift, die mit keiner bekannten Schrift verwandt ist, bis heute nicht sicher entschlüsselt. Typische Inschriften sind nicht länger als vier oder fünf Zeichen, die längste bekannte Inschrift umfasst 26 Zeichen.

Einige Gelehrte bezweifeln, dass die Indus-Schrift überhaupt ein Schreib-System war, oder ob es sich nicht vielmehr nur um ein Hilfsmittel des damaligen Handels handelte.

Auch ist die Sprache der Indus-Kultur nicht bekannt; eine Vermutung ist, dass sie ein Vorläufer der heute im südlichen Indien gesprochenen dravidischen Sprachen war. Daraus kann jedoch nicht automatisch gefolgert werden, dass die Erschaffer der Indus-Kultur den heutigen Sprechern dravidischer Sprachen ähnlich waren, da Sprachen und Ideensysteme im Gegensatz zu großen Bevölkerungsmassen viel schneller wandern können. Zu bedenken ist auch, dass die heutigen dravidischen Sprachen (Tamil, Telugu etc.) in Südindien anzutreffen sind.





Niedergang und Kollaps

Über 700 Jahre lebten die Menschen der Indus-Zivilisation in Reichtum und Wohlstand, und ihre Handwerker fertigten Produkte von überdurchschnittlicher Schönheit und Qualität. Aber fast genau so plötzlich, wie die Indus-Kultur auftrat, verschwand sie auch wieder. Die Gründe dafür sind unklar und könnten ökologischer, klimatischer, politischer oder auch wirtschaftlicher Art sein.

Ab etwa 2000 v. Chr. kamen anscheinend größere Probleme auf. Die großen Städte wurden verlassen, und diejenigen Einwohner, die blieben, waren unterernährt. Um 1800 v. Chr. waren die meisten Städte aufgegeben. In den folgenden Jahrhunderten gingen die Erinnerungen und Errungenschaften der Indus-Kultur - im Gegensatz zu den Kulturen in Ägypten und Mesopotamien - komplett verloren. Die Harappa-Kultur hinterließ keine Monumentalbauten wie die Pyramiden in Ägypten oder die zahlreichen Zikkurat-Tempel in Mesopotamien, die ihre Existenz bewiesen und ihre Erinnerung lebendig erhalten hätten. Man kann vermuten, dass dies nicht möglich war, da es im Industal wenig geeignete Steine gibt, obwohl das auch auf Mesopotamien zutrifft. Eventuell war den Menschen der Indus-Kultur auch das Konzept von großen Monumentalbauten fremd.

Trotzdem verschwand die Indus-Kultur nicht vollständig. Nach ihrem Untergang entstanden regionale Kulturen, die unterschiedlich stark von der Indus-Zivilisation beeinflusst waren. Einige Menschen der Indus-Kultur scheinen Richtung Osten gewandert zu sein, in die Ganges-Ebene. Auch die Keramiktradition überlebte noch einige Zeit. Nicht die Menschen verschwanden, sondern die Zivilisation: die Städte, die Schrift und die Handelsnetzwerke.

Die vor allem in der Mitte des letzten Jahrhunderts populäre Theorie, der Untergang der Induskultur könnte mit dem Erscheinen arischer Nomaden im Industal zusammenhängen, hat heute nicht mehr viele Anhänger. Klimatische Gründe scheinen wahrscheinlicher: So war das Industal um 2600 v. Chr. bewaldet und wimmelte vor Tieren. Es war feuchter und grüner als heute. So konnten die Menschen der Indus-Kultur ihre Nahrung während Dürreperioden oder bei Hochwasser durch Jagen ergänzen. Es ist bekannt, dass sich um 1800 v. Chr. das Klima im Industal änderte: es wurde bedeutend kühler und trockener. Doch dieser Faktor allein war vermutlich nicht ausschlaggebend für den Niedergang der Harappa-Zivilisation. Entscheidend könnte das Austrocknen großer Teile des Ghaggra-Hakra-Flußsystems gewesen sein, dessen Quelle aus tektonischen Gründen in die Gangesebene umgeleitet wurde, wobei es einige Unsicherheiten über den genauen Zeitpunkt dieses Ereignisses gibt. Durch das Austrocknen des Ghaggra-Hakra ging ein bedeutender Teil des fruchtbaren Ackerlandes verloren, was die Indus-Kultur vermutlich nicht überstanden hat.

Andere Theorien besagen, dass der Untergang der Indus-Zivilisation mit dem Ende des Sumerischen Reiches und dem Wegfall der Handelsbeziehungen zusammenhing oder kriegerische Auseinandersetzungen und Krankheiten das Ende der Harappa-Kultur bedeuteten. Die entscheidende Ursache des Niederganges ist jedoch nicht geklärt.





Geschichte des Industals als Zeittafel

6500 v. Chr.  (unsichere Datierung) Mehrgarh älteste entdeckte Siedlung im Industal 
2600 v. Chr.  Hochkultur beginnt: Stadtplanung, Kanalisation 
1800 v. Chr.  Untergang der Indus-Kultur 
1500 bis 600 v. Chr.  Vedische Zeit 
500 v. Chr.  Beginn der buddhistischen Gandhara-Kultur, etwa 1000 Jahre 
711 n. Chr.  Erster islamischer Einfluss 
1526 bis 1761  Mogulreich, Blütezeit des Islam auf dem indischen Subkontinent 
1859 bis 1947  Britische Herrschaft 
ab 1947  Teilung in die Staaten Indien und Pakistan 


Literatur

Veröffentlichungen zur Indus-Schrift von Asko Parpola, Gregory Possehl und Iravatham Mahadevan.

Jansen, Michael: Die Indus-Zivilisation. Wiederentdeckung einer frühen Hochkultur, DuMont, Köln 1986. ISBN 3-7701-1435-3

Allchin, Bridget und Raymond: The rise of civilization in India and Pakistan, Nachdruck Cambridge u. a. 1988.

Gregory L. Possehl: Ancient cities of the Indus, Delhi 1979.

Ardeleanu-Jansen, Alexandra: Die Terrakotten in Mohenjo-Daro. Eine Untersuchung zur keramischen Kleinplastik in Mohenjo-Daro, Pakistan (ca. 2300-1900 v. Chr.), Aachen 1993.

Dorian Fuller, An agricultural perspective on Dravidian historical linguistics: archaeological crop packages, livestock and Dravidian crop vocabulary. In: In: Peter Bellwood/Colin Renfrew, Examining the farming/language dispersal hypothesis (Cambridge 2002) 191-213.